Fritz Pleitgen, Präsident der Deutschen Krebshilfe, und die Ärztliche Direktorin des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Freiburg, Prof. Dr. Charlotte Niemeyer

„Ein Zuhause auf Zeit – Elternhäuser in Kliniknähe“


FREIBURG, 12. SEPTEMBER 2015

Ansprache von Fritz Pleitgen, Präsident der Deutschen Krebshilfe, anlässlich des Festaktes zum 20-jährigen Bestehen des Elternhauses des Fördervereins krebskranke Kinder e. V. Freiburg an der Universitätskinderklinik Freiburg

Lieber Herr Rendler,
lieber Herr Kimmig,
liebe Frau Professor Niemeyer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

als ich vor vier Jahren Präsident der Deutschen Krebshilfe wurde, erhielt ich viel Post. Auch von Werner Kimmig. Nur einen Satz. „Finde Ihr Engagement für krebskranke Menschen gut.“

Werner Kimmig kenne ich aus meiner Rundfunkzeit als Produzent prominenter Fernsehsendungen. Auch später hatte ich mit ihm zu tun. Als Chef der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Zur Eröffnung unseres Programms produzierte er für das ZDF eine mit Stars gespickte Unterhaltungsshow.

Nun kam also diese Mail. Ich ahnte, dass hinter dem lakonischen Satz mehr steckte. Werner Kimmig hatte ich nicht nur als anständigen Menschen, sondern auch als Strategen kennen gelernt. Ich rief ihn an und erfuhr eine erstaunliche Geschichte.

Die Tochter seines Freundes Bernd Rendler war vor vielen Jahren an Krebs erkrankt. Leukämie. Damals bei weitem noch nicht so gut behandelbar wie heute. Die Verhältnisse hier in der Kinderkrebsklinik waren mehr als beklagenswert. Überdies war der Freiburger Förderverein für krebskranke Kinder tief verschuldet. Werner Kimmig und Bernd Rendler beschlossen mit ihren Freunden in Oberkirch, dem Förderverein unter die Arme zu greifen.

Stars wurden gewonnen. Eine Schallplatte konnte produziert werden. Sie brachte ordentlichen Gewinn. Die Schulden wurden beglichen. Doch das war erst der Anfang. Der Förderverein blieb in der Spur. Das Elternhaus, dessen Jubiläum wir heute begehen, wurde gebaut. Ein zweites Gebäude kam hinzu. Moderne Ausrüstung konnte angeschafft werden. Kostspielige Projekte wurden durch kräftige Anschub-Finanzierung in Gang gesetzt.

40 Millionen Euro hat der Freiburger Förderverein bisher gesammelt, um krebskranken Kindern und ihren Familien zu helfen. 40 Millionen Euro für die Kinderkrebsbekämpfung hier vor Ort! Selbst Stellen für die unmittelbare Versorgung der krebskranken Kinder, die eigentlich von den Krankenkassen getragen werden müssten, werden finanziert. Das Engagement hat wunderbare Früchte getragen. Die Behandlung von krebskranken Kindern hat enorme Fortschritte gemacht. Freiburg genießt in der Kinderonkologie, national und international, einen exzellenten Ruf. Auch Anne, die Tochter von Bernd Rendler, wurde geheilt und ist inzwischen selbst Mutter geworden.

Woher weiß ich das alles? Wie ich bereits dunkel andeutete, ist Werner Kimmig ein Fuchs. Er dachte sich, es kann nicht schaden, zur Deutschen Krebshilfe einen zusätzlichen Kontakt aufzubauen. Also lud er mich ein, den Kinderkrebs-Schwerpunkt Freiburg und die Aktivitäten des Fördervereins persönlich in Augenschein zu nehmen.

Das traf sich gut. Unser heutiger Vorstandsvorsitzender Gerd Nettekoven konnte sich daran erinnern, dass die Deutsche Krebshilfe dem Freiburger Förderverein beim Bau des Elternhauses beigestanden hatte - im Jahre 1993 mit 400.000,-- Deutsche Mark. Im Übrigen spielt die Ärztliche Direktorin am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der Universität Freiburg, Professorin Charlotte Niemeyer, für die Deutsche Krebshilfe eine wichtige Rolle - durch ihr langjähriges Mitwirken in verschiedenen Gremien unserer Organisation.

So haben wir uns auf den Weg nach Freiburg gemacht, Gerd Nettekoven, und ich. Was wir sahen und hörten, hat uns sehr gefallen. Wir wussten: Mildred Scheel, die legendäre Gründerin der Deutschen Krebshilfe, wäre von der Freiburger Initiative begeistert gewesen. Genauso hatte sie sich die Verwirklichung ihrer Jahrhundert-Idee 'Deutsche Krebshilfe' vorgestellt: eine entschlossene, unverzagte Bürgerbewegung gegen die Volkskrankheit Krebs. In dieser Hinsicht hat auch der Freiburger Förderverein Maßstäbe gesetzt - durch wunderbares privates und gesellschaftliches Engagement.

Meine Damen und Herren, 20 Jahre ist es nun her, dass der Förderverein krebskranke Kinder hier an der Freiburger Universitätskinderklinik mit Hilfe der Deutschen Krebshilfe ein Elternhaus mit 22 Zimmern und 45 Betten errichtet hat. Im Laufe der Jahre sind sogar noch fast ebenso viele Zimmer hinzugekommen. Zu diesem Jubiläum sind Herr Nettekoven und ich gerne wieder nach Freiburg gekommen und möchten die Gelegenheit nutzen, Ihnen im Namen der Deutschen Krebshilfe zu gratulieren, Ihnen vor allem aber auch ganz herzlich für Ihren unermüdlichen Einsatz für krebskranke Kinder und ihre Eltern zu danken.

Sie alle wissen, dass die Bekämpfung der Krebskrankheiten im Kindesalter immer auch ein Kernanliegen der Deutschen Krebshilfe war. Auch die Deutsche Krebshilfe hat seit ihrer Gründung fast 160 Mio. Euro in die Kinderkrebsmedizin und -forschung investiert - in die Behebung von Notständen, multizentrische Therapiestudien, Forschungsprojekte, Nachsorgeeinrichtungen und auch in die Errichtung von Elternhäusern und -wohnungen in der Nähe von Kinderkrebszentren. Zahlreiche Projekte wurden von uns auch hier an der Universitätskinderklinik Freiburg gefördert.

Insbesondere nach dem sich Fortschritte in der Therapie abzeichneten und die Behandlung strukturiert in multizentrischen Studien gebahnt war, war uns seit Mitte der 1980iger Jahre die Errichtung von Elternhäusern und -wohnungen in der Nähe von Kinderkrebszentren stets ein großes Anliegen. Denn wenn ein Kind an Krebs erkrankt, steht - und das wissen Sie alle - zunächst einmal die ganze Familie unter Schock. Von einem Tag auf den anderen ändert sich alles. Die kleinen und jungen Patienten müssen sich einem monatelangen Therapiemarathon unterziehen – und das in einer spezialisierten Kinderkrebsklinik, oft weit weg von Zuhause. Damit die Eltern während der langwierigen Behandlung in der Nähe ihres Kindes sein können, sind daher Elternhäuser notwendig. Davon waren wir damals und sind es heute mehr denn je fest überzeugt. Denn krebskranke Kinder brauchen die Nähe zu ihren Familien, um die schwere Zeit der Behandlung durchstehen zu können. Gerade in der akuten Behandlungsphase sind die Eltern ein unverzichtbarer Partner im therapeutischen Team, und ihre Unterstützung ist ein wesentlicher Faktor für den Genesungsprozess ihrer Kinder. In den Elternhäusern erhalten aber auch die Eltern selbst Rat und Unterstützung. Hier können sie sich mit Gleichbetroffenen austauschen und professionelle Hilfe finden.

Seit der Finanzierung des ersten Elternhauses an der Universitäts-Kinderklinik Gießen im Jahre 1986 hat die Deutsche Krebshilfe mit dazu beigetragen, dass 29 weitere Elternhäuser und -wohnungen an Kinderkrebskliniken entstanden sind. Meistens im übrigen gemeinsam mit dem jeweiligen Förderverein für krebskranke Kinder vor Ort. Ohne dieses gemeinsame private und gesellschaftliche Unterfangen wären solche wichtigen Strukturen nicht entstanden. Mittel der öffentlichen Hand halten dafür nicht her! Auch die Deutsche Krebshilfe finanziert - wie Sie sicher wissen – alle ihre Aktivitäten zur Verbesserung der Versorgung krebskranker Menschen ausschließlich aus Spenden und freiwilligen Zuwendungen der Bevölkerung.

Rückblickend dürfen wir feststellen, dass sich unsere gemeinsamen Anstrengungen über die Jahre gelohnt haben. Vier von fünf krebskranken Kindern werden heute wieder gesund. Bei Gründung der Deutschen Krebshilfe vor jetzt 41 Jahren war die Situation noch genau umgekehrt! Daher wünsche ich Ihnen heute einen schönen und feierlichen Tag und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit. Mögen die Familien, die in Zukunft hier betreut werden, auch weiterhin eine Heimat auf Zeit finden und sich gut aufgehoben fühlen. Den kleinen Patienten wünsche ich Kraft, Mut und Hoffnung auf eine gesunde Zukunft.

Vielen Dank.